Mittwoch, 6. November 2019

Erschüttert mich bis ins Mark



Myriane Angelowski

Porzellankind


Klappenbroschur
288 Seiten
ISBN 978-3-7408-0607-1
12,95€

"Porzellankind" ist ein Thriller, der emotional äußerst verstörend auf mich wirkt. Auch wenn die Autorin auf Details verzichtet hat, spricht jede Zeile auf eine sehr kaputte Eltern - Kind - Beziehung. Ellis sehnt sich nach Liebe und sucht daher Bestätigung in anderen Bereichen, die regelrecht krankhaft wirken. Am Ende wird zwar nicht alles schlüssig aufgelöst, dennoch hinterlässt das, was sich bis dahin entwickelt hat, einen sehr bitteren Nachgeschmack.  
Der Klappentext verrät einiges und dennoch sind die Wahrheiten anders als erwartet. Schockierend kommt der Leser_in der Aufschlüsselung näher und begreift Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit, hinzu kommt eine Verschleierung der Tatsachen, die eine Unschuldige bis ins Mark schädigt und regelrecht psychotisch werden lässt. Es ist grausam und verachtend dem eigenen Kind gegenüber. Irgendwann kommen Lebenslügen zum Vorschein, die förmlich erschlagen und dem Thriller eine komplett andere Wendung geben. "Porzellankind" lebt definitiv von Überraschungsmomenten.
Ellis ist als Kind in ihrer Phantasie gefangen und als Erwachsene damit beschäftigt Rache zu nehmen. Es ist die Lüge, die sie zu verarbeiten hat. Klar wird, das Ellis durch das Verhalten ihrer Eltern schwer geschädigt wurde und sich durch ihre blühende Phantasie eine eigene fiktive Welt erschaffen hat, um nicht von der inneren Einsamkeit erdrückt zu werden oder sich gegen Ablehnung wehren zu können.
Als Referentin für Gewaltfragen ausgebildet, dringt die Erfahrung der Autorin nur bedingt durch, da es am Leser, an der Leserin liegt, wie sie Geschehnisse innerhalb des Thrillers interpretiert. Auch seelische Grausamkeit ist Gewalt und ist hier dienlich, um sich Ersatzbefriedigungen zu suchen, um Liebe zu erleben. Ellis hat ein hartes Schicksal zu durchleiden, wobei es nur nach und nach offenbart wird. Manchmal sind es nur Nebensätze, die aber sehr schockieren und mich leider auch triggern. Ich habe "Porzellankind" aufgrund meiner eigenen Vergangenheit als sehr schmerzlich empfunden, auch wenn Ellis ein anderes Schicksal durchlebt, ist der Wunsch nach Liebe und Anerkennung in mir immer noch immens hoch. Jedes Kind trägt das Bedürfnis in sich geliebt zu werden und das ändert sich lebenslang nicht.
Für mich war das Lesen von "Porzellankind" hart, dennoch kann ich eine gewisse Sogentwicklung nicht absprechen. Einmal angefangen. fiel es mir schwer, den Thriller beiseite zu legen, waren die Geheimnisse doch zu hoch und meine Neugier der Auflösung auf die Spur zu kommen groß. Das Ende begeistert mich nur bedingt, dennoch ist der Gesamteindruck gut und daher vergebe ich sehr gerne eine Leseempfehlung. Es hat mir sehr gefallen zwischen den Zeilen zu lesen und die Brutalität eines Lebens nur angeschnitten zu lesen, sodass ich herausgefordert bin, Zusammenhänge selbstständig zu erkennen. Es ist definitiv ein Buch, welches erschüttert und einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Viel wichtiger aber ist das geweckte Bedürfnis in mir, meine Kinder ganz fest in den Arm zu nehmen und meine Liebe damit auszudrücken.

1 Kommentar:

  1. Hallo Mel,

    der Titel war mir gänzlich unbekannt. Und wenn ich mir deine Rezension so durch den Kopf gehen lasse, werde ich das Buch wohl eher nicht lesen. Ich habe zwar keine schlechten eigenen Erlebnisse, aber diese Thematik liegt mir und meinem Naturell eher nicht.

    Danke für die Rezi und den schönen letzten Satz.

    liebe Grüße
    Barbara

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