Dienstag, 11. Februar 2020

Liebesgeschichte mit gewaltigem Nachhall



Katrin Bongard

Es war die Nachtigall

  • empfohlen ab 14 Jahren
  • 272 Seiten
  • Hanser Verlag
  • Paperback
  • ISBN 978-3-446-26609-4
  • 16€


Es gibt Bücher, die sind so nachhaltig, das es regelrecht schmerzt. "Es war die Nachtigall" gehört zu dieser Art von Büchern, denn es bewegt mich zutiefst und hallt sicherlich noch lange nach. Hier werden Begebenheiten und Worte so genutzt, dass sie mich zu einem Umdenken und Nachdenken bewegen. Es ist kein Vorwurf von meiner Seite aus, sondern tatsächlich etwas wie Dankbarkeit. Meine eigene Oberflächlichkeit wird mir gezielt vor Augen geführt und lässt für mich Massentierhaltung zum Beispiel in einem völlig neuen Licht erstrahlen. Alles das, was ich gerne vor mich hergeschoben habe und mich einfach nicht damit auseinandersetzen wollte, kommt in mir zum Vorschein. Ich kann definitiv für das Gleichgewicht unserer Natur mitbestimmend sein, dieses scheibt man doch ganz weit von sich, oder? Wer also glaubt, er lese nur eine moderne Form einer "Romeo und Julia Geschichte" ist komplett falsch informiert. Ich selbst war auch dieser Überzeugung, zumal der Titel des Jugendbuches genau diese Erwartungshaltung geschürt hat. Im großen und Ganzen ist dem auch so, aber es ist so viel mehr, auf das ich nicht gefasst war und meine Begeisterung hielt sich nach dem Lesen des Prologs auch erst einmal in Grenzen. Wer will denn auch gleich zu Beginn schon vom Tod lesen? 
Eine Umweltaktivistin und einen Jäger zusammen zu bringen ist ein kluger Schachzug, denn weder der eine, noch die andere wird hier in seinen Aktivitäten verurteilt. Klar ist, das es zu Problemen in den jeweiligen Freundeskreisen und Familien geben kann, da das Denken bisher komplett unterschiedlich war. Parallelen zu den von Shakespeare dargestellten Ereignissen in Verona sind absolut gewollt und unverkennbar gut geschrieben. Ich musste schon ein klein wenig grinsen, als es eine Balkonszene mit Käuzchenruf gab und sich Marie in den Garten schlich, um ihren Ludwig zu treffen. Zwischen den beiden hat es mächtig gefunkt und beide lernen sich gegenseitig anzunehmen, ohne den anderen von Hobbys oder Aktivitäten überzeugen zu wollen. Sie sehen zuerst einmal den Menschen und dieser gefällt. Alles andere wird sich später zeigen, ob es wirklich zusammen passt. Hier geschieht Verlieben ohne Vorurteile und das ist einfach nur großartig.  
Ohne die Story vorwegnehmen zu wollen, kann ich nur sagen, ich bin von meinen eigenen Empfindungen schier überwältigt. Ich wusste, das ich ein ganz besonderes Buch lesen werde, aber das es etwas mit mir macht, damit habe ich nicht gerechnet. Marie ist als Umweltaktivistin vorbestraft, da sie ihre Mission akribisch verfolgt und dabei oftmals auch Grenzen überschreitet oder sich nicht an Absprachen hält. Sie entscheidet aus dem Bauch heraus, während Ludwig mir doch eher besonnen und vorsichtiger erscheint. Sein Jagdschein lag schon vorher in der Schublade, denn es kommen ihm arge Zweifel an der Jagd. Als er Marie kennen lernt schmeißt er einiges über Bord, was ihm meiner Meinung nach anerzogen wurde. Auf Anhieb scheinen diese beiden jungen Leute nicht zueinander zu passen und ecken damit ziemlich an. Eifersucht ist auch ein großes Thema, welches gut aufgefangen und verarbeitet wurde. 
Insgesamt ein Jugendbuch, welches nicht nur lesenswert für die angegebene Zielgruppe junger Leser_innen ab 14 Jahren erscheint, sondern auch die ältere Generation wie mich anspricht. Hier geht es nicht um Friday for Future oder Greta, dieses kommt im Buch überhaupt nicht vor, aber einen gewissen Lebenswandel zu überdenken ist sicherlich das Ziel. Ich würde sagen Ziel erreicht Frau Bongard ☺
Ich bin wirklich begeistert und möchte daher eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen. Titel und Cover sind absolut gelungen gewählt und passen zur Story wie die Faust aufs Auge. Warum der Wald und die Hirsche das gezeichnete Paar innerhalb des Scherenschnitts miteinander verbindet, wird erst zum Ende hin ersichtlich und hat mich wirklich zutiefst getroffen. Diese moderne Romeo und Julia Adaption ist absolut gelungen und überzeugt auf ganzer Linie. Auch wenn man Shakespeare kennt, trifft es mich als Leserin völlig unerwartet und wirkt noch einige Zeit nach, denn diese wunderbare Liebesgeschichte ist bezeichnend. Während des Lesens ist der Prolog komplett ins Hintertreffen geraten und bekommt erst dann wieder ein Gesicht, sobald die Story endet. Absolut gekonnt dargestellt und sprachgewaltig. Ich habe es nicht anders erwartet und bin immer noch dabei das Gelesene zu verarbeiten. Manche Bücher haben einfach einen gewaltigen Nachhall und "Es war die Nachtigall" gehört eindeutig dazu. Ich hoffe, das ich die richtigen Worte gefunden habe, um auch beim Lesen dieser Rezension einen Nachhall zu erzeugen. Absolutes Highlight 2020!

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