Montag, 21. Mai 2018

Dramatisch gelungen - Mobbing Deluxe

Tracy Chevalier

Der NeueRoman
KNAUS 

Was es bedeutet, Außenseiter zu sein – ein atmosphärischer Roman, der in das Amerika der 1970er Jahre führt

Osei will an seiner neuen Schule vor allem eines: nicht auffallen. Für den afrikanischen Diplomatensohn ist es der vierte Wechsel innerhalb von sechs Jahren, und aus Erfahrung weiß er, dass er gleich am ersten Tag Freundschaften schließen muss. Doch bereits seine Anwesenheit scheint einige seiner weißen Mitschüler und Lehrer zu provozieren. Im Amerika der 1970er Jahre sind gemischte Klassen immer noch selten. Als sich ausgerechnet die beliebte Dee mit Osei anfreundet, sieht Ian, der Tyrann auf dem Pausenhof, rot.

Tracy Chevalier lässt Shakespeares Othello, jenes klassische Stück über Eifersucht und Diskriminierung, in einer Schule spielen, wo das Wort Mobbing kein Fremdwort ist.





"Der Neue" ist ein atmosphärisch sehr gelungener Roman, dessen Parallelen zur Oper Othello sehr verdeutlichen. Ich empfand den Roman als sehr düster und sehr authentisch, denn Mobbing, wie es es hier dargestellt wird, ist ebenso aktuell wie 1970, als Osei als einziger Afrikaner die Schule wechseln muss. Er freundet sich rasch mit Dee an, aber es gibt Neider, die es darauf anlegen, diese frisch erwachte Freundschaft zu zerstören. Es wirkt befremdlich, wie schnell Worte unser Denken und handeln bestimmt, denn es könnte tatsächlich so geschehen. Worte, die Herzen erhärten und sich daher wie ein roter Faden durch das Buch ziehen. Ian ist Jago aus dem Stück von Shakespeare sehr ähnlich und macht mich als Leserin tatsächlich wütend, wobei er seine Tyrannei so geschickt wahrnimmt, das selbst die Lehrkörper auf ihn hereinfallen. Was am Anfang wie stille Gewalt wirkt, endet zum Ende hin als lautstarker Showdown, der überrascht und dennoch Othello sehr nachempfunden wurde. Ich habe das Glück, dass ich erst kürzlich die Oper im Bielefelder Stadttheater gesehen habe und dieses war auch mein Anreiz "Der Neue" lesen zu wollen. 
Der Autorin ist es gelungen, ihr Buch so zu schreiben, dass es auf Anhieb nicht auffällt, dass es Othello nachempfunden wurde, denn es könnte tatsächlich auch heute noch in den Schulen genauso geschehen, wie hier dargestellt. Der Neue, der sich erst einmal behaupten muss und die Neider, die darauf hinzielen ihm die Anpassung so schwer wie möglich zu machen. Ich bin begeistert von der Sprachgewalt, die dieser Roman bietet. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, da es mich fesselte und ich mit Osei und Dee gelitten habe. Die Macht hinter Ians Worten ist verletzend, demütigend und wirklich hart für beide, die doch eigentlich nur Freunde sein wollen. Eifersucht ist wie ein Stachel, den es zu ziehen Ian nicht gelingt und so zieht er immer mehr Menschen in seine Intrigen. Es leiden also nicht nur Dee und Osei, sondern einige andere Personen, die sich den Lügen Ians nicht widersetzen können. 
Atmosphärisch eine echte Sahneschnitte und ein LeseHighlight für 2018. Wer hätte hinter diesem doch sehr zurückhaltenden Cover eine so ausdrucksstarke Geschichte vermuten können? Schon "Der Ruf der Bäume" der Autorin konnte mich gewinnen, wobei "Der Neue" mich noch ein klein wenig mehr begeistert zurücklässt. Absolute Leseempfehlung!

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