Sonntag, 5. Januar 2014

*~* Sehr Authentisch *~*





Elefanten sieht man nicht




Heute stelle ich euch ein Buch vor, welches ich in einem Rutsch durchgelesen habe. 1. weil es nicht viele Seiten hat und 2. weil es mich und meine Gefühle so in Aufruhr gebracht hat, dass ich es nicht hätte zur Seite legen können. Es tut mir sehr leid, dass ich oft in meinen Rezensionen nicht die passenden Worte finde und oft über die emotionale Sicht berichte. 

Dieses Buch handelt von Nachbarn, die sich ihren Frieden nicht zerstören lassen wollen, ihre Grillpartys und Nachbarschaftsfeste in ihrer Siedlung, obwohl sie ganz genau wissen, daß in einer Familie in ihrer nächsten Nähe etwas ganz und gar nicht stimmt. Es muss erst ein 13 Jähriges Mädchen ihre Sommerferien bei ihren Großeltern verbringen und die Fäden in die Hand nehmen. Bevor ich jetzt schon gleich am Anfang zuviel vorwegnehme widme ich mich erst einmal den allgemeinen Details zu dem Buch und mache dann mit meiner Meinung weiter. Aber Vorsicht! Ich werde kein Blatt vor dem Mund nehmen und das Buch in alle Einzelteile auseinander nehmen. Wenn ihr es also noch lesen wollt, dann scrollt gerne bis zum Ende zu "Meine Meinung". 




Klappentext: 
"Max atmete ruhig und gleichmäßig, nur manchmal schnarchte er leise. Julia hatte sich zusammengerollt, aber nicht so, als hätte sie Angst, eher, als hätte sie nichts mehr zu befürchten, weil draußen jemand Wache hält. Und auf einmal kam mir der Gedanke, dass man Menschen beschützen kann. 

Ich drehte mich um und schlich zur Tür. Ich hörte den Gesang der Amseln und ein Autohupen in der Ferne, und ich hörte mein schlagendes Herz. 

Ich schloss die Tür. 

Drehte den Schlüssel zweimal herum. 

Und dann rannte ich." 

Irgendetwas ist seltsam an Julia und Max, das findet Mascha von der ersten Sekunde an. Und dann sieht sie, dass Julia überall blaue Flecke hat, richtig große. Als Mascha schließlich eines Tages auf der Suche nach den beiden vom Garten aus einen Blick in ihr Haus erhascht, ist ihr klar: Sie muss ihnen irgendwie helfen. Aber wie, wenn keiner der Erwachsenen ihr zuhören will? Mascha hat eine verhängnisvolle Idee - aber manchmal ist es besser, etwas Falsches zu tun, als gar nichts. 


Gebundene Ausgabe: 208 Seiten 
Verlag: Carlsen Verlag GmbH 
Sprache: Deutsch 
ISBN-10: 3551582467 
ISBN-13: 978-3551582461 
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre 
das Buch kostet im Buchhandel 14,90 Euro 



Das Cover zeigt ein blaues Haus, einen Schuppen und davor, ein Gerstenfeld. Das Haus ist für die Geschichte sehr, sehr wichtig und daher finde ich es sehr gut gewählt. Wenn man den Schutzumschlag abmacht, sieht man die blauen Planken der Holzhütte und das ist wirklich ganz genial gemacht. Schon das Buch ist sehr authentisch und auch die Geschichte die es erzählt könnte genauso passiert sein. In einer Siedlung mit wunderbaren Vorgärten und Männern, die regelmäßig den Rasen mähen. Wer will diese Idylle stören durch die Tatsache, daß es hier einen Fall von Kindesmisshandlung gibt? Könnte es auch in meinem Dorf geschehen? Würde ich wegsehen, um den Frieden nicht zu zerstören? Würde ich handeln? Und wieder schweife ich ab und mache daher mit der "Geschichte aus meiner Sicht" weiter. 



SPOILER!!!!!! 
Die Geschichte aus meiner Sicht erzählt: 
******************************** 

Mascha verbringt ihre Sommerferien bei ihren Großeltern, da ihr Vater arbeitet und selbst mit sich zu kämpfen hat. Maschas Mutter ist gestorben und wenn ich genauer lese, lenkt sich ihr Vater mit Arbeit ab um nicht ins Grübeln zu kommen. An manchen Tagen bleibt er liegen, weil er nicht die Kraft hat aufzustehen und dem neuen Tag ins Auge zu sehen. 

Mascha lernt Max und Julia auf dem Spielplatz kennen und es braucht einige Anläufe bis die Kinder ins Gespräch kommen und sich annähern. Max ist 7 und Julia ist 9, also ein klein wenig jünger als Mascha selbst, die immerhin schon 13 ist. Mascha ist in meinen Augen eine wirkliche Heldin, denn anders als die Erwachsenen schaut sie nicht weg, sondern sieht noch genauer hin, nachdem sie einiges beobachtet, was nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Sie sieht auf Max Stirn eine klaffende Wunde, die durch seine langen Haare verdeckt werden. Sie sieht, dass Julias Bauch voller blauer Flecken ist und als sie die Kinder besuchen will, sieht sie durchs Fenster, wie Max quer durchs Zimmer geworfen wird. Auf ihr Klingeln an der Tür wird nicht reagiert und da sie Schreie hört, sieht sie durch das Fenster und dann fängt sie an zu rennen. 

Sie sucht das Gespräch mit ihrer Großmutter und ihrem Vater per Handy, aber alle wimmeln sie ab und sagen ihr, daß bitte alles so bleiben soll wie es ist und Mascha sich nicht einmischen soll. 

Mascha mischt sich aber ein, nachdem sie sieht, wie Max mit einem unsichtbaren Gegner kämpft der Pablo heißt. Diese Szene auf dem Spielplatz hat mich so sehr bewegt, dass ich geweint habe. Diese beiden Kinder sind so bildlich beschrieben, ihr Leid so ausgeprägt, dass es mir sehr nah ging. Die Medien sind voll von Berichten von Kindern, die dies täglich ertragen müssen. Die Dunkelziffer ist noch höher, denn niemand weiß, was sich wirklich hinter geschlossenen Türen abspielt. Sehen wir weiterhin weg? Geht uns das alles nichts an? Wollen wir nicht sehen oder sehen wir wirklich nichts? Mascha sieht aber genau hin und fasst einen Plan. 

Nun kommt das blaue Haus, welches wir auf dem Cover bewundern dürfen zum Tragen, denn es ist der Ort indem Max und Julia ein paar Tage verbringen (müssen), denn sie werden von Mascha quasi zu ihrem eigenen Schutz entführt. Mascha hat das Haus geputzt und schön gemacht, aber eigentlich für sich als Rückzugsmöglichkeit. Nun wird es das Zuhause von Max und Julia. Natürlich ist es eine kopflose Handlung, aber was soll ein 13 Jähriges Mädchen tun, wenn ihr nicht zugehört wird? Ich fand es ehrlich gesagt auch schwachsinnig, aber es hat auch etwas sehr, sehr Gutes, denn nachdem die Kinder gefunden werden, werden sie genau untersucht und die vielen Verletzungen, alten Brüche werfen viele Fragen auf. 

Auch hier war ich wieder den Tränen nah, denn Max muss sich waschen, da er ins Bett gemacht hat und Mascha sieht dadurch das ganze Ausmass der Verletzungen an ihm. Ganz, ganz schlimm und für mich als Mutter, die immer ihre Kinder auch vor Augen hat, bricht mir fast das Herz. Dieses Buch ist vielleicht Fiktion, aber jeden Tag werden Kinder grausam gequält, missbraucht oder geschlagen und niemand schaut hin oder will es vielleicht auch nicht sehen. Die Leidtragenden sind dann immer die Kinder, die mit Lügen wie z.B "Du kommst ins Heim" oder "Wenn du etwas verrätst, dann stirbt deine Mutter!" am Reden gehindert werden. Diese Lügen bringen Kinder zum Schweigen und auch hier in dieser Geschichte frage ich mich, haben die Lehrer nichts gemerkt? Ein Kind was so schwer misshandelt wird, ist doch schon auffällig in seinem Gang, da alles schmerzt, oder? Sind wir so blind, dass wir das was nicht passt einfach ausblenden? Klar, ein Gang zum Jugendamt ist schwer, aber ich sage mir, lieber einmal zu viel als zu wenig oder sehen die Sozialarbeiter auch nur das freundliche Lächeln des Herrn Brandner, dem Authausbesitzer? Hochgeachtet in der Siedlung? 

Später nachdem alles vorbei ist und Mascha endlich ihr Schweigen bricht, kommen auch einige andere aus ihrem Schneckenhaus und offenbaren das, was sie gesehen und gehört haben. Warum haben sie solange gewartet? Warum wurden sie mundtot gemacht? Maschas Oma ist das alles ganz peinlich und sie zieht sich zurück und kommt nicht mehr aus dem Haus, aber nicht, weil Mascha den Stein ins Rollen gebracht hat, sondern weil sie Angst hat vor dem Gerede der Leute. Ist das nicht zum Kotzen? Die heile Welt bewahren, obwohl ein paar Häuser weiter zwei Kindern Schlimmes geschieht? 

Das Ende ist im Prinzip offen und ich wünsche mir, dass Frau Brandner den Mut findet ihren Mann zu verlassen und mit ihren Kindern neu anzufangen. Vergessen werden sie nie, aber vielleicht wird es irgendwann leichter mit den inneren seelischen und den äußeren Verletzungen zu leben. 
Ich finde es sehr gut, daß Maschas Opa zu guter Letzt doch zu Mascha hält und nicht immer kapituliert vor dem was seine Frau möchte, dass "Dunkle" nicht in die Siedlung lassen, sondern zu kämpfen, gegen das was Unrecht ist. 


Ein paar Worte zu "Leonard Cohen" der in diesem Buch eine große Rolle spielt, denn seine Musik ist ein großer Faktor in Maschas Leben, denn durch seine Musik kommt sie ihrem Vater immer ein großes Stück näher. http://www.youtube.com/watch?v=RLq7Aqd_H7g Hin und wieder sind einige Textzeilen eingefügt und zeigen auf, daß Musik unsere Seele beruhigen kann und uns Halt geben kann. Für Julia wird es ebenso wichtig, denn daheim darf sie keine Musik hören, aber im blauen Haus gibt es ihr Kraft und Halt, denn natürlich ist auch für sie die Situation beängstigend, denn sie versteht natürlich nicht, warum Julia sie einsperrt. 

Die Elefantenfrage im Titel ("Elefanten sieht man nicht!") habe ich für mich noch nicht ganz klären können, obwohl sie im Buch einige Male vorkommen. 
Elefanten legen sich zum Sterben hin an einem abgelegenen Ort - weitab von der Herde 
(so tut es Max im Keller, aber nachdem er alle Vorräte aufgebraucht hat, steht er wieder auf!) 

Die Kinder auf dem Spielplatz nennen Max Elefantenbaby, denn er ist etwas fülliger. Fülliger vielleicht daher, weil Essen ihn ablenkt und seinen Schmerz befriedigt? 

Opa erklärt Mascha, dass Elefanten sich in Sumpfgebiete zurückziehen, weil sie im Alter nicht mehr so gut kauen können und dort die Pflanzen weicher sind 

Eine andere Frage die sich mir stellt ist vielleicht, dass wir diejenigen sind, die Elefanten nicht sehen wollen, obwohl sie groß und mächtig sind und eigentlich nicht zu übersehen. Vielleicht sind es die Nachbarn die lieber wegschauen, obwohl es offensichtlich war, dass Max und Julia misshandelt wurden? 

Wenn ich dieses Rätsel gelöst habe, dann füge ich es nachher noch ein! 


Meine Meinung: 
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Dieses Buch verfügt zwar nur über 208 Seiten, aber diese sind vollgepackt voller Emotionen, die mich wirklich berühren und bewegen. Wer hier nicht ins Nachdenken kommt, hat in meinen Augen ein Herz aus Stein. Ich saß oft mit Pipi in den Augen vor den aufgeschlagenen Seiten und zwischendurch kullerten mir auch die Tränen. Ich weiß nicht, ob ich dieses Buch meiner übermorgen 14. Jährigen Tochter in die Hände geben sollte, denn ich sehe die Gefahr, dass es sie überfordern würde. Es ist schon sehr grausam zu lesen, wie sehr die Kinder Max und Julia verletzt sind und wie tief ihre Ängste sitzen. Ein Vater, der Mutter und Kinder schlägt um seinen Frust abzubauen? Entsetzlich! Ich denke die Fliege an der Wand ist dann das was ihn jeden Tag ausrasten lässt. Ist die Fliege diejenige, die die Ursache ist, daß Max eben an diese geworfen wird? Wie kann jemand vor der Gesellschaft ein anderes Gesicht zeigen als zuhause? Für mich ist das unfassbar, aber noch schlimmer sind für mich diejenigen, die Gewalt vermuten, aber schweigen. Aus diesem Grund werde ich das Buch sicher verwahren und meinem Kind dann zu Lesen geben, wenn ich meine, dass sie es verarbeiten kann. 

Mascha die Hauptprotagonistin des Buches, hauptsächlich wird auch in der ICH - Form geschrieben, ist meiner Meinung nach ein echt toughes Mädchen und ich finde es super, daß gerade sie mit 13 Jahren, diejenige ist, die allen Widerständen zum Trotz handelt und einen echten Stein ins Rollen bringt. Klar, völlig unüberlegt, aber dabei nur das Beste im Sinn, daher ist sei mir sympathisch und ich würde mir mehr Teens wünschen, die für andere einstehen möchten und dabei handeln ohne Nachzudenken. Manchmal ist ein Handeln aus dem Bauch heraus nicht schlecht, wir man hier nachlesen kann. Mit Mascha hat Susan Kreller eine Person geschaffen vor der ich wirklich großen Respekt habe. 

Für die Autorin ist es ihr Debüt und ich muss sagen ihr erstes Werk ist ihr großartig gelungen. Ein solch schweres Thema (ein echtes Tabuthema meiner Meinung nach!) so zu verfassen, mit viel Liebe und den richtigen Worten zum Nachdenken anzuregen ist eine Kunst, wie ich finde. Das Buch empfehle ich natürlich gerne weiter. Auch wenn es mich entsetzt hat, muss ich sagen es wirkt noch immer nach. Ich habe einen echten Stein im Magen, so sehr fühle ich mich betroffen. 

Der Schreibstil ist natürlich der Zielgruppe angemessen. Die Schrift ist recht groß, sodass Jugendliche / Kinder das Buch auch zur Hand nehmen würden. Ich muss sagen, ich würde es auch als Schullektüre sehr gut finden. 



Und noch ganz WICHTIG! 
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Da es hier um meine Meinung geht und über meine Gefühle, die das Buch in mir hinterlässt möchte ich euch bitten, diese nicht zu zerreden, sondern einfach so stehen zu lassen. Leider kann ich die Situation in dieser Welt nicht verändern, da ich wirklich nicht durchs Schlüsselloch schauen kann, aber ich möchte doch eine derjenigen sein, die hinsehen und nicht wegschauen, wenn ich jemals in diese Situation kommen sollte. Keine Grillparty, kein Kaffeklatsch sollte mir mehr bedeuten als das Wohl zweier Kinder, die sich nicht wehren können! 

Kindesmisshandlung - immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft! 


Ich wünsche euch alles, alles Gute! 
Ganz liebe Grüße, 
Mel

1 Kommentar:

  1. Die Protagonistin ist eigentlich die Hauptfigur :-) Es ist krass, dass dich das Buch so berührt hat, umso bewundernswerter, dass du dich sogar mit den Details z.B. dem Titel und der Musik beschäftigst! Elefanten sind groß, man hört sie aber nicht, wenn sie laufen. Daher könnten Elefanten auch für die Gewalt stehene - obwohl sie so riesig ist, nimmt man sie nicht wahr.

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