Sonntag, 5. März 2017

Der natürliche Lauf der Dinge?


Charlotte Wood

Der natürliche Lauf der Dinge


Roman │Aus dem Englischen von Gaby Wurster ca. 304 Seiten │Gebunden mit Schutzumschlag 20,00 € ISBN 978-3-03880-001-9 │ Arctis Verlag


Sie sind jung, attraktiv und wurden mitten aus ihrem bisherigen Leben gerissen. Verla und Yolanda sind zwei von zehn Frauen, die in einer abgelegenen Baracke gefangen gehalten werden. Unter der Tyrannei zweier Aufseher werden sie an Ketten geführt, müssen Schwerstarbeit leisten und hausen in Scherkammern wie Vieh. Eine Flucht scheint ausweglos. Nach anfänglicher Unsicherheit stellt sich bei den Frauen die Gewissheit ein, dass sie alle eines verbindet: Sie wurden Opfer von Missbrauch oder standen im Rampenlicht sexueller Skandale. Im Zuge der Gefangenschaft entwickelt schließlich jede von ihnen eine eigene Art mit dem Martyrium umzugehen. Während die Frauen anfangs noch verzweifelt versuchen, ihre Schönheit zu bewahren, tritt im Laufe der Zeit immer stärker ein animalischer Drang des Überlebenskampfes zutage, der drastische Konsequenzen nach sich zieht.

"Der natürliche Lauf der Dinge" ist ein provokanter Roman, der unsere gesellschaftliche Wahrnehmung von Gewalt gegenüber Frauen und die Rolle der Sensationsmedien infrage stellt. Die preisgekrönte australische Autorin Charlotte Wood erzählt darin fesselnd von den Machtstrukturen einer Gemeinschaft, die an William Goldings "Der Herr der Fliegen" erinnert. 





Der Vergleich mit "Der Herr der Fliegen" ist genau das, was ich während des Lesens von "Der natürliche Lauf der Dinge" mehr als einmal empfunden habe. Das Buch ist provokant und verdeutlicht die menschliche Psyche, die gigantische Macht gewinnt, wenn es um das Überleben geht. Zehn Frauen werden aufs Äußerste gedemütigt und es wirkt auf mich brutal und menschenverachtend. Der Sinn dieser Entführung ist auch am Ende nicht deutlich und viele Fragen bleiben bestehen, dennoch geht von "Der natürliche Lauf der Dinge" ein leichter Sog aus, dem ich mich nicht entziehen konnte. Es bietet einige Überraschungen und manchmal auch so widerliche Dinge, die die Frauen wie Tiere wirken ließen.

Gelesen sind die knapp 300 Seiten rasant schnell und auch wenn es kein Buch ist, welches sich im Kopf festsetzt, ist die Story so außergewöhnlich, dass mir oft die Frage aufkam, wie ich mich in dieser oder jener Situation verhalten hätte. Wäre ich bereit, alles zu geben, um zu überleben? Könnte ich gewissen Demütigungen standhalten? Würde ich im Wahnsinn enden? Meinem Leben ein Ende bereiten und alle Hoffnung verlieren? Diese zehn Frauen arbeiten irgendwann nicht mehr im Team, sondern gegeneinander, da Vertrauen, Liebe oder eben auch Hoffnung nur noch Worte aus einem weit entfernten Leben sind, nachdem feststeht, dass Rettung nicht stattfinden wird. 

"Der natürliche Lauf der Dinge" ist ein Buch, welches viele Fragen aufwirft, die leider auch am Ende offen sind, denn wie wird es möglich sein, nach diesem Martyrium wieder in die Gesellschaft eingepflegt zu werden? Ein offenes Ende, welches mich nicht komplett zufriedengestellt hat. Die Veränderungen innerhalb der zusammengewürfelten Gemeinschaft und das Einwirken der Erlebnisse auf die  Psyche der Protagonisten wirken äußerst authentisch. Es ist tatsächlich der natürliche Lauf der Dinge, da sich Wesen, Aussehen und Empfindungen anderen Menschen gegenüber sich in Ausnahmezuständen verändern werden und da wenig positives geschieht, ist es eher brutal oder grausam, was die Darstellung betrifft. Einiges war sehr gelungen, manches überspitzt dargestellt und manches derart widerlich, dass mir der Sinn der Story oftmals nicht ersichtlich war. Da jede/r Leser den Roman anders empfinden wird, kann ich mich weder für, noch gegen die Story aussprechen. Es gab viele Facetten am Roman, die ich als sehr gelungen empfunden habe, andere wiederum eher abwertend empfand. Von mir gibt es eine eingeschränkte Leseempfehlung, da ich auch nach Beenden des Buches eine leichte Unsicherheit darüber empfunden habe, was mir die Autorin verdeutlichen wollte oder ob es vielleicht daran lag, dass ich den Sinn einfach nicht erkannt habe?

★★★

1 Kommentar:

  1. Hallo Mel,
    es beruhigt mich ein bisschen, dass ich nicht die Einzige bin, die den Sinn der Geschichte nicht durchblicken konnte. Ich habe mich selten so schwer getan, wie mit dieser Rezension. Bei mir hat das Buch letzten Endes nur 2 Federn bekommen, aber ich habe die ganze Zeit gezweifelt, ob ich das "darf", weil ich nicht wusste, ob es an mir oder an dem Buch liegt, dass ich meine Schwierigkeiten damit hatte.
    LG
    Yvonne

    AntwortenLöschen