Mittwoch, 19. Oktober 2016

Portrait einer besonderen Freundschaft


Elena Ferrante

Meine geniale FreundinBand 1 der Neapolitanischen Saga: Kindheit und frühe Jugend

Die Neapolitanische Saga (1)

Ungekürzte Lesung mit Eva Mattes

Hörbuch MP3-CDISBN: 978-3-8445-2352-222,99€der Hörverlag


Eine Freundschaft als Spiegel einer Stadt, einer Nation, einer ganzen Generation

Im Alter von 66 Jahren erfüllt sich Lila einen Traum: Sie verschwindet von einem Tag auf den anderen. Zurück bleibt ihre beste Freundin Elena und schreibt ihre gemeinsame Geschichte nieder: In den 1950er Jahren wachsen sie am Rande Neapels auf. Elena erzählt vom Alltag der kleinen Leute, vom Zugschaffner Donato, der Gedichte schreibt, vom tyrannischen Don Achille, von den Solara-Brüdern, die sonntags mit ihrem Auto den Corso abfahren. Von Mädchenträumen und erster Liebe. Doch auch wenn ihre Lebenswege nicht parallel verlaufen, da Elena das Gymnasium besuchen darf, als Lila schon auf ihre Hochzeit zusteuert, bleibt eines unverbrüchlich: ihre Freundschaft.

Theater- und Filmschauspielerin Eva Mattes leiht Elena ihre Stimme.

(1 mp3-CD, Laufzeit: 11h 43)






"Meine geniale Freundin" ist der erste Teil einer Reihe, der mich mitnahm in die Kindheit und frühe Jugend der Protagonisten Lila und Elena. Ich bin dankbar, das ich in einer Zeit lebe, in der Frauen mehr Rechte zustehen und ich als Frau anerkannt leben darf. Unterordnung und Gewalt wird deutlich und hat mich manches Mal wirklich wütend werden lassen. Das Recht auf Bildung für Frauen ist eher eine Seltenheit. Stattdessen wird Frauen der Mund verboten und sie müssen sich innerhalb ihrer Familie anpassen. Wie kann man dieses aushalten?

Die Unterschiede von Lila und Elena werden schnell deutlich. Es wird auch schnell klar, das Elena und Lila zwar Freundinnen sind, aber auch ein leichter Konkurrenkampf vorhanden ist. Während Elena weiterhin die Schule besuchen darf, muss Lila in der Familienschusterei mitarbeiten. Sie entwirft ein paar Schuhe, das immer wieder Hauptthema ist. Es ist anmaßend, das eine Frau über das Geschick und Talent verfügt ein paar Schuhe herzustellen, die nicht nur praktisch sind, sondern auch ins Auge stechen. Leider wird bis zum Ende des Hörbuchs nicht deutlich, warum Lila verschwunden ist. Konnte sie das eintönige Leben in ihrem Dorf nicht ertragen? Das Anpassen und die Unterdrückung? Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein und für Frauen ist definitiv keine Weiterentwicklung möglich.

In mehr als 11 Stunden lauschte ich dieser ganz besonderen Freundschaft und bekomme ein recht genaues Bild über die Eintönigkeit in Lilas Leben. Sie ist aufsässig und ohne Furcht. Sie geht ihren Weg der gepflastert ist durch Lieblosigkeit und Gewalt. Ein Leben in einer Welt, in der Frauen wenig zu sagen haben und dem folgen, was das Familienoberhaupt bestimmt. Selten tritt Lilas Mutter für sie ein. Ich kann die innere Rebellion deutlich spüren und es Lila auch nicht verdenken eigene Ziele und Wünsche zu entwickeln. Ich vermute darin ihre Flucht, aber ich lasse mich auch gerne überraschen. 

Die Story ist hochkarätig und konnte mich sehr begeistern, dennoch muss ich eingestehen, das es mir vielleicht doch mehr gefallen hätte, das Buch selbst zu lesen. Die Stimme von Eva Matthes klingt oft emotionslos und getragen, was manchmal dem Hörfluss etwas einschränkte. Natürlich liegt es auch an der Geschichte die vorgetragen wurde, dennoch gab es auch Elemente, die ein klein wenig mehr Power in der Stimme benötigt hätten. Mein Interesse ließ manchmal ein klein wenig nach und ich schweifte ab, daher benötigte ich hin und wieder einige kleine Pausen, um mich wieder auf das Hörbuch konzentrieren zu können. Da es sich hier nur um einen Ausschnitt der Kindheit und frühen Jugend von Elena und Lila handelt passiert zwar schon sehr viel, verdeutlicht aber noch nicht, warum Lila auszubrechen droht aus dem ihr vorbestimmten Leben an der Seite eines Mannes, der ihr ein bequemes Leben bieten kann. Wird ihr das nicht genügen?

Gerne möchte ich eine Hörempfehlung aussprechen, obwohl die Story ein paar wenige Längen aufweisen konnte, ist es doch eine Lebensgeschichte, die der Zeit in der sie spielt angemessen ist. Mir fehlte mitunter die Lebensfreude der Italiener. Aus dieser Sicht betrachtet bietet "Meine geniale Freundin" wenig Freude oder Schönheit.  Geboten bekam ich Unzufriedenheit, Alkoholmissbrauch, Gewalt und Unterdrückung von Frauen. Interessant auf der einen Seite, abstoßend auf der anderen Seite. Trotz allem Unmut meinerseits sehr authentisch geschrieben und interessant in ein anderes Zeitgeschehen einzutauchen.


★★★

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