Freitag, 6. Mai 2016

Von Vogelschutzgebieten und anderen Provinznestern


Juli Zeh

UnterleutenRoman

Gebundenes Buch mit SchutzumschlagISBN: 978-3-630-87487-624,99€Luchterhand



Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh

Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …



Ein absolut gelungener, wenn auch etwas kritischer Gesellschaftsroman, der mich wirklich fasziniert hat. Ein fiktiver Ort, nahe Berlin, wo die Uhren und Zeitgenossen noch anders ticken. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben und die Wende noch nicht erfolgt. Die Bewohner des Ortes Unterleuten regeln ihre Dinge selbstständig, ohne das Zutun von Obrigkeiten. Es ist vorprogrammiert, dass auch in Unterleuten irgendwann ein Umdenken nötig ist und das Chaos ausbrechen wird, denn niemand kann in der Zeit verharren, wenn sich die Uhren woanders weiterdrehen. Mich hat manches köstlich amüsiert, da es sehr authentisch wirkt, auf der anderen Seite aber auch nachdenklich gestimmt, denn man muss auch die kritische Seite des Romans erkennen. "Unterleuten" ist absolut gelungen in Schrift und Bild, da es Dinge vertieft, die wenn wir uns umsehen, genauso geschehen könnten. Es ist also nicht alles Fiktion, sondern könnte einer gewissen Beobachtungsgabe der Autorin unterliegen. Ein Roman, der sich einer gewissen Personenpsychologie bemächtigt und mich dadurch wirklich gefesselt hat. Für mich war das Lesen überraschend hochwertig und ich werde definitiv noch weitere Bücher der Autorin lesen wollen, da ihre Wortwahl und Sprachgewaltigkeit regelrecht überzeugt hat. Natürlich muss man einiges kritisch betrachten, aber andererseits vielleicht auch die eine oder andere Wahrheit zwischen den Zeilen entdecken können, 
Die wechselnden Perspektiven machen "Unterleuten" sehr lebendig. Die Darstellung und Handlungen der verschiedenen Protagonisten hauchen wirklich Leben ein und verdeutlichen immer wieder, dass die Welt in "Unterleuten" stehengeblieben ist. Kommunist trifft auf Neureiche und das Chaos ist vorprogrammiert, denn plötzlich weht ein ganz anderer Wind und für Erneuerungen sind die Menschen nicht bereit. Es werden Dinge aufgegriffen, die oftmals in Vergessenheit geraten sind und dennoch zu unserem Zeitgeschehen hinzugefügt werden müssen. Lehrreich, amüsant und absolut lesenswert! Leseempfehlung!


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