Freitag, 22. April 2016

Absolut gigantische Traumaverarbeitung


Ule Hansen

NeuntöterThriller


Vor Menschen hat sie Angst. Serienmörder versteht sie.

Berlin, Potsdamer Platz. Beim Klettern auf einem Baugerüst macht ein Junge eine grausame Entdeckung: Drei Leichen, einbandagiert in Panzertape, hängen in schwindelerregender Höhe an den Gerüststangen. Sie sehen aus wie Mumien und scheinen in dieselbe Richtung zu blicken, als würden sie auf etwas warten. Als die menschenscheue Fallanalystin Emma Carow auf den Fall angesetzt wird, ist ihr schnell klar, dass er für ihre Karriere entscheidend ist. Doch je fester sie sich verbeißt, desto mehr droht ein altes Trauma sie in den Abgrund zu ziehen.

Paperback, KlappenbroschurISBN: 978-3-453-43804-016,99€HEYNE


Stell dir vor, du wirst vergewaltigt und der Täter schreibt ein Buch über seine Tat, um sich angeblich reinzuwaschen. Zumindest sieht es für die Leser des Buches aus. Eigentlich geht es Uwe nur darum, Emma erneut zu verletzen und zu demütigen. Emma Carow muss sich erneut ihrer Vergangenheit stellen. Nebenbei muss sie einen Fall aufklären, der suspekter und widerlicher nicht sein könnte. Vielleicht ist dies auch eine Chance darauf in der Hierarchie der Polizei aufzusteigen?
Ich hatte große Erwartungen an das Debüt des Autorenduos und war oft sprachlos über die gewaltigen Eindrücke, die sich mir während des Lesens erschlossen. Es hinterlässt oft ein echtes WOW! Gefühl, obwohl es auch manchmal ein klein wenig mühsam war sich konzentriert den nächsten Buchseiten zu widmen. Knapp 500 Seiten Hochspannung, die hier und da natürlich über Längen verfügten, die aber darauf hinauszielten, dem Thriller das nötige Gewand zu verpassen. Ich fühlte mich abgestoßen und auf der anderen Seite hingezogen zu den barbarischen Taten, die lange Zeit keinen Sinn ergeben und mich tunlichst verwirrten. Ehrlich gesagt bin ich sehr froh darüber, denn oft kommt einem das eine oder andere in den Sinn und man ist dem Täter sehr schnell auf den Fersen. In "Neuntöter" blieben meine Gedanken auf der Strecke und konnte mich auf die Überraschungen am Ende sehr gut einlassen. Berlin als Zentrum ist ein sehr gut gewählter Schauplatz und gibt dem Thriller einen gewissen Wiedererkennungswert, auch wenn meine letzte Berlinreise schon einige Zeit her ist.
Die Stimmung des Romans kippt sehr häufig und das ist, was mich letztendlich begeistern konnte. Nicht zuletzt ist es Emma Carow, die den Spannungsbogen aufrecht erhalten kann. Ihr ist es zu verdanken, dass mir die Lust am Lesen erhalten geblieben ist. Es gibt viele Nebenfiguren, die einen kürzeren oder auch längeren Auftritt haben, aber sich letztendlich nicht in das Gedächtnis einbrennen. Emma selbst ist es, die diesen Thriller lesenswert und authentisch macht. Ihr Trauma ist genial gewählt, um ihr Verhalten zu erklären und welches sie natürlich auch angreifbar macht.
Der Titel "Neuntöter" ist sehr gut gewählt, denn ähnlich wie der Mumienmörder im Thriller, hängt der Vogel, dessen Name der Thriller trägt, seine Beute auf und wartet auf ihren Tod. Bestialisch und krank, wenn man im Nachhinein auf die Auflösung trifft. Emma ist sehr sensibel und kann sich in die Täter hineinversetzen. Mancher Geistesblitz, so erscheint es, bringt sie eine Spur näher an den Täter / die Täter.
Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung an einen herausragenden Thriller, der erkennen lässt, dass es auch in Deutschland Autoren gibt, die ihr Handwerk verstehen. Ein absolut gelungenes Debüt!


 ★★★

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