Montag, 18. Januar 2016

Tiefgründig und authentisch



Sarah Kuttner

180 Grad Meer

Roman
Hardcover
ISBN: 978-3-10-002494-7
18,99€
Fischer Verlage




Der neue Roman von Sarah Kuttner

Nachdem ihr Vater die Familie verlassen hat, ist Jule mit ihrem Bruder und ihrer selbstmordgefährdeten Mutter aufgewachsen. Als Erwachsene hat sie sich einen Alltag geschaffen, in dem sie alles nur noch irgendwie erträgt: ihren Job als Sängerin, die unzähligen Anrufe ihrer Mutter, den ganzen Hass in ihr, der sie fast verschwinden lässt. Als auch ihre Beziehung zu bröckeln beginnt, flieht sie zu ihrem Bruder nach England, auf der Suche nach Ruhe und Anonymität.
Doch dort trifft sie auf ihren Vater, der im Sterben liegt. Zaghaft beginnt Jule einen letzten Versuch, sich dem Mann anzunähern, von dem sie sich ihr Leben lang im Stich gelassen gefühlt hat.

Eine tragikomische Road-Novel über das komplizierte Verhältnis zu den eigenen Eltern und den Wunsch, Urlaub von sich selber machen zu können.





"180 Grad Meer" erzählt von Jules Höhen und Tiefen und einer gewissen inneren Unruhe und Anspannung, die sicherlich ein klein wenig auf ihre Vergangenheit zu schieben ist. Wenn ich mir die Telefonate mit ihrer Mutter vor Augen führe oder auch die Reaktion ihres Vaters, als sie ihn besucht, ist mir klar, warum Jule Angst hat. Angst vor dem Leben. Angst vor einer tieferen Bindung. Im Klappentext lesen wir von Hass, was ich so nicht wahrgenommen habe, sondern eher eine Suche nach  Bestätigung. Jule scheint dauerhaft auf der Suche zu sein danach endlich angenommen zu werden. Ihrem Vater nicht immer etwas beweisen zu müssen, denn seine Ansprüche an sie scheinen viel zu hoch und immer wieder muss Jule die Schultern sinken lassen, sich einer Enttäuschung stellen, da sie sowieso nicht erreichen kann, was ihr Vater von ihr erwartet. Ihre Mutter dagegen nutzt ihre Kinder, um ihnen zu suggerieren, dass man keine Männer braucht, um glücklich zu sein. Jules Mutter war mir fast schon unangenehmer als Jules Vater. Natürlich ist man als Alleinerziehende überfordert und dennoch sollte man seinen Frust, seine Depression nicht auf seine Kinder übertragen. Nicht jeder kann damit umgehen, wenn man täglich nur Böses über seinen Vater hört. Irgendwann übernimmt man diese Gedanken. Jakob hingegen scheint seine Kindheit besser abstreifen zu können. An ihm gefällt mir nicht, wie lapidar er mit Drogen hantiert, denn Kiffen nimmt auch einen großen Teil ein, aber erst als sich Jule zu Jakob nach England flieht. Ich habe ehrlich gesagt ein sehr großes Problem mit Drogen aller Art, denn sie suggerieren unterbewusst ein viel zu gutes Gefühl desjenigen, der sie einnimmt und schildert nicht die Konsequenz einer Sucht. Für den Moment vielleicht genau richtig, aber was kommt danach? 
Sarah Kuttner hat ihren eigenen eigenwilligen Schreibstil und da ich ihre Romane kenne, freute ich mich sehr auf "180 Grad Meer". Es ist definitiv außergewöhnlich und lässt sehr tief in die menschliche kaputte Seele eines Menschen blicken. Heilung gibt es tatsächlich nur dann, wenn man sich seinen Ängsten stellt und sich ihnen vorsichtig annähert. Die Angst vor erneuten Verletzungen wird immer bleiben. Das Ende wäre anders gewesen, wenn Jule stur geblieben wäre, auch wenn es keine wirkliche Annäherung an ihren Vater gab, gibt es doch so etwas, was sich Versöhnung nennen könnte. Dies gab dem Buch eine gewisse Authentizität und machte es deshalb auf irrsinnige und interessante Art und Weise lesenswert.

★★★★

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