Sonntag, 5. April 2015

Mit den Augen des Herzens zu sehen

Valerie Bielen

Nur mit deinen Augen

Broschur, 384 Seiten
Aufbau Taschenbuch
978-3-7466-3082-3

9,99 € 



Zwei Fremde in Venedig

Alice Breuer glaubt, das große Los gezogen zu haben. Sie ist Au-pair-Mädchen in Venedig. Ein Traum geht in Erfüllung, doch leider hat die Familie Scarpa andere Pläne. Alice soll nicht nur die beiden Kinder hüten, sondern sich um den ganzen Haushalt kümmern. Nur nachts hat sie Zeit, sich die Stadt anzuschauen – und da trifft sie einen geheimnisvollen Mann, der in ihrer Nachbarschaft wohnt. Tobia ist Amerikaner, und er ist blind. Alice verliebt sich in ihn, ohne zu ahnen, auf welches Abenteuer sie sich einlässt.

Die Geschichte einer schicksalhaften Begegnung vor der romantischen Kulisse Venedigs. 




Mit "Nur mit deinen Augen" lesen wir einen Liebesroman der ganz besonderen Art. Ich freue mich immer noch darüber, dass die Autorin mich per E-Mail angefragt hat, ob Interesse an ihrem Roman besteht, denn mir wäre sonst ein wundervolles Buch entgangen. Natürlich wissen wir schon laut Klappentext, was uns erwarten wird, aber eine solch selbstlose und liebenswerte Protagonistin wie Alice Breuer habe ich selten erlebt. Um den Traum ihrer verstorbenen Mutter zu leben, verlässt Alice ihre Heimat um als Au-Pair in Venedig zu arbeiten, aber anstatt sich die Stadt näher ansehen zu können, nutzt die Familie die sie aufgenommen hat, Alice komplett aus. Alice bleiben nur die Nächte, in denen Venedig ihr gehört. Von einem Altan, der direkt von ihrem Balkon ausgeht, hat sie einen wunderbaren Blick auf Venedig. Eines Tages erscheint dort ein Mann, Tobia, der sehr melancholisch wirkt und sofort  Alices Interesse weckt. Diesen Mann trifft sie auch in der Nacht an und ebenso wie sie sucht er die Ruhe und Geborgenheit der Nacht, denn er hasst mitleidige Blicke, die seine Blindheit mit sich bringt. Es bleibt natürlich nicht aus, dass diese beiden Menschen sich näherkommen und anfangen Zeit miteinander zu verbringen, angefangen mit einem Kostümfest, welches Tobia, der zuvor eher zurückgezogen gelebt hat, in seinem Palazzo gibt. Dieses ist der Anfang einer wunderbaren Freundschaft, denn Alice gelingt es, diesem eher in sich gekehrten, einerseits auch verbitterten Menschen, aus seinem inneren Gefängnis zu locken. Alice lehrt Tobia mit den Augen des Herzens zu sehen.

Interessant hierbei ist, dass in "Nur mit deinen Augen" nicht nur Liebe eine Rolle spielt, sondern auch Intrigen und Missgunst eine tragende Rolle spielen. Ehrlich gesagt ist man als Leserin eines Liebesromans nicht darauf eingestellt, sich urplötzlich in einem Krimi wiederzufinden, aber genau dieses war, was mich letztendlich noch mehr überzeugen konnte. Schon das Annähern von Alice und Tobia war wundervoll, da Alice so natürlich und authentisch wirkt, obwohl Tobia ein reicher Mann und Alice eben "nur" ein Au-Pair-Mädchen ist. Geld spielt für Alice keine Rolle, was sich im Laufe des Romans immer mehr verdeutlichen kann. Urplötzlich wandelt sich die Story und wir lernen Hass und Missgunst kennen. Niemand scheint Tobia und Alice ihr Glück zu gönnen und die Steine die ihnen in den Weg gelegt werden, könnten einen tödlichen Ausweg nehmen. Der Autorin ist es wirklich gelungen, das Blatt so zu wenden, dass die Spannung kaum zu ertragen ist. Ist es Alice und Tobia wirklich nicht vergönnt, einfach nur glücklich zu sein? Interessant ist zu sehen, wie Hass, Neid und Missgunst einen Menschen verändern können.

Insgesamt gesehen ist "Nur mit deinen Augen" ein wundervoller Roman, der auch eine gewisse Tiefe ausstrahlen konnte. Es ging nicht nur um Sex und Sinnlichkeit, was ich oft an Liebesromanen als sehr oberflächlich erachte, sondern darum, was man auch sieht, was man eben nicht sehen kann und zwar den inneren Menschen, den man vielleicht übersehen hätte, wenn man gesehen hätte. Tobia, der zuvor ein Leben im Luxus gelebt hat und sich mit schönen Frauen umgeben hat, hätte Alice vielleicht niemals bemerkt. Gerne spreche ich eine Leseempfehlung aus, für einen ganz besonderen Roman, der natürlich auch durch seinen Hauptschauplatz Venedig glänzen konnte.

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