Dienstag, 31. März 2015

Heimatlosigkeit?



DÖRTE HANSEN


Altes Land

 
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 288 Seiten 
ISBN: 978-3-8135-0647-1
€ 19,99  
Verlag: Knaus
Zwei Frauen, ein altes Haus und eine Art von Familie
Das „Polackenkind“ ist die fünfjährige Vera auf dem Hof im Alten Land, wohin sie 1945 aus Ostpreußen mit ihrer Mutter geflohen ist. Ihr Leben lang fühlt sie sich fremd in dem großen, kalten Bauernhaus und kann trotzdem nicht davon lassen. Bis sechzig Jahre später plötzlich ihre Nichte Anne vor der Tür steht. Sie ist mit ihrem kleinen Sohn aus Hamburg-Ottensen geflüchtet, wo ehrgeizige Vollwert-Eltern ihre Kinder wie Preispokale durch die Straßen tragen – und wo Annes Mann eine Andere liebt. Vera und Anne sind einander fremd und haben doch viel mehr gemeinsam, als sie ahnen. 

Mit scharfem Blick und trockenem Witz erzählt Dörte Hansen von zwei Einzelgängerinnen, die überraschend finden, was sie nie gesucht haben: eine Familie.


LESEPROBE



In einer wunderbaren bildlichen Sprache entführt uns Dörte Hansen ins alte Land. Dorthin wo immer noch Plattdeutsch gesprochen wird und die Zeit scheinbar still steht. Bei genauerer Betrachtung wird man Menschen finden, die eigentlich nur die Sehnsucht erfüllt eine Heimat, ein Zuhause zu finden. Manchmal fügt der Autor Menschen in sein Buch ein, die auf den ersten Blick nicht zueinander passen, dennoch dieselben Sehnsüchte und Träume erfüllt, egal, welches Alter man erreicht hat. Es ist auf eine wunderbare Art und Weise angefüllt mit Erinnerungen und diese treiben uns beim Lesen voran, da sich Stück für Stück zusammenfügt.
Vertrieben aus Ostpreußen treffen wir auf Vera, die im Dorf nur die Fremde oder Placke angesehen wird, auch nachdem sie das Haus erbt, indem sie Zuflucht gesucht hat, gemeinsam mit ihrer Mutter. Nun trifft sie auf ihre Nichte Anne, die innere Heilung sucht. Völlig verletzt und verwirrt trifft Vera auf eine junge Mutter auf der Suche nach Geborgenheit und Trost. Die beiden Frauen lernen sich zu ergänzen und obwohl das Haus eine große Macht in Veras Leben eingenommen hat, da es scheinbar lebt und atmet, geschieht nach und nach Erneuerung.
Auf charmante Art und Weise bringt uns die Autorin das Leben der Städter rund um die Elbmarschen nah und manchmal ist auch ein klein wenig Fremdschämen angesagt. Eine junge verzweifelte Frau, die ihr Läusekind in einen Kindergarten bringt, indem scheinbar nur Übermütter ihre Kinder zur Betreuung geben, wird von oben herab behandelt und dieses würde ich nicht unbedingt als Fiktion betrachten. Immer wieder im Leben werden uns Menschen begegnen, die die teuersten Kinderwagen für ihre Kinder anschaffen und ihren Kindern möglichst viel an Früherziehung angedeihen lassen, aber ist dieses sinnvoll?
Gefehlt hat mir ein klein wenig die Hintergründe der Flucht aus Ostpreußen, da es mich einfach interessiert hat aus rein persönlichen Interessen. Meine Großmutter mütterlicherseits ist selbst ein Kind des Trecks gewesen und leider hat sie nie viel über die Geschehnisse erzählt, dabei hätte mich ihre Geschichte sehr interessiert. Vielleicht hätte Vera mich mit hinein nehmen können in ihre Ängste und den Schrecken des Krieges? Trotzdem empfand ich "Altes Land" als sehr wertvoll, Es hat mich auf der einen Seite sehr bewegt und auf der anderen Seite aufgezeigt, wie wichtig es ist, Wurzeln zu haben. Eine Familie lässt sich durch nichts ersetzen und die Suche nach inneren Frieden und Ruhe wird manche Menschen ihr Leben lang begleiten.
Geschichtliches, gepaart mit Erinnerungen und neuen Erfahrungen ergeben ein Ganzes, was hilfreich ist für Neuanfänge und Umdenken. Es tat gut zu lesen, dass man nicht im alten Trott bleiben muss, sondern sich verändern kann, auch wenn es schwer fällt Altes hinter sich zu lassen. Verletzungen die immer wieder aufbrechen, allein dadurch, dass mit Erlebten nie wirklich abgeschlossen wurde, entwickelt manchmal eine Härte, die vielleicht dadurch durchbrochen wird, dass man sich Menschen zuwendet, die ähnlich empfinden und suchend sind.
Gerne spreche ich eine Leseempfehlung aus für ein Buch, welches zum Nachdenken anregt, zwischendurch auch ein Lächeln hervorruft und durch seine Deutlichkeit der Worte, den Leser beeindrucken wird.



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