Montag, 17. September 2012

Die Monster in meinem Kopf (besiegen können)

Ein Buch über Depressionen zu schreiben stelle ich mir mehr als schwierig vor und so war ich mächtig gespannt, wie die Autorin diese Aufgabe bewältigt hatte. Sie hat es tatsächlich geschafft mich zu überzeugen und meine Angst während des Lesens selbst in ein tiefes Loch zu fallen bestätigte sich nicht, aber ich konnte mich und meine Gefühlswelt in dem einen oder anderen Satz wiedererkennen. Ich leide mitunter selbst an starken Stimmungsschwankungen, besonders an den tagen vor meiner Periode, da nervt mich die Fliege an der Wand oder ich muss ohne Grund losheulen. Wenn meine Periode dann am nächsten oder gar übernächsten Tag dann da ist, ist alles wieder in Ordnung und ich weiß, warum meine kleine heile Welt ins Wanken geraten ist.
Vor etwa 4 Jahren habe ich eine Therapie begonnen, denn ich kam mit meinem Leben einfach nicht mehr klar. Der Stein auf der Brust, der mir den Atem nahm führte dazu, das ich alles in Frage stellte und mir auch nicht klar war, warum ich lebe, warum ich weiterleben muss und viele, viele andere Dinge mehr, die mich sehr beschäftigten und mir und meiner Familie das Leben schwer machte. Ich hatte das Lachen verlernt und mochte mich selbst nicht mehr, denn ich zog auch meine Familie mit in das tiefe Loch, welches ich mir selbst anfing zu graben. An diesem Punkt begriff ich, das es so nicht weitergehen kann und ich suchte mir Hilfe. Meine Therapeutin war leider nicht die richtige für mich und so brach ich die Therapie dann irgendwann ab, denn sie schien es zu genießen über sich selbst zu reden und ließ mich in der einen Stunde wo wir zusammenkamen kaum zu Wort kommen, das war also ein Schuss in den Ofen. Was mir geholfen hat war die lange Autofahrt, in der ich ganz ruhig ohne das mir eins der Kinder dazwischenquatschte ganz für mich war, laut Musik hören konnte und meine Seele baumeln lassen konnte, ohne an Haushalt, Kinder oder Mann zu denken. Es tat soooooooooo gut und ich merkte, das ich mir Ruhezeiten gönnen muss, die nur mir gehören, in denen mich niemand stört und ich auch nicht losflitzen muss um jemanden zur Hilfe zu eilen, sondern nur ICH bin wichtig. Es ist ein Lernprozess gewesen, der oft weh tat, aber Heilung schenkte. Nach und nach!
Oft beginnt eine Depression schon im Kindesalter / Teeniealter und unsere Hauptprotagonistin Ida erfährt dieses schon sehr früh. Sie ist eine Außenseiterin! Sie wird gemobbt und gemieden, dabei sind wir Menschen alle gleich und sehnen uns nach Liebe und Anerkennung. Ich litt mit Ida, deren Gefühlswelt sehr genau beschrieben wird und der ich mich das eine oder andere Mal wirklich wiederfinden konnte. Bevor ich hier jetzt ausschweife, bekommt ihr erst einmal die Details zum Buch präsentiert und dann geht es mit "Meiner Meinung" weiter!




  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Goldmann
  • 16,99 Euro im Buchhandel
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442312841
  • ISBN-13: 978-3442312849



Zusammenfassung des Buches "Drüberleben von Kathrin Weßling:


Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein!
Ida steht zum wiederholten Mal in ihrem Leben vor der Tür einer psychiatrischen Klinik, mit einem Zettel, auf dem ihr Name und der Grund für ihren Aufenthalt genannt sind. F 32.2. Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome. »Drüberleben« erzählt von den Tagen nach diesem Tag, von den Nächten, in denen die Monster im Kopf und unter dem Bett wüten, den Momenten, in denen jeder Gedanke ein neuer Einschlag im Krisengebiet ist. Es erzählt von Gruppen, die merkwürdige Namen tragen, von Kaffee in ungesund großen Mengen, von Rückschlägen und kleinen Fortschritten, von Mitpatienten und von Therapeuten. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich zehn Wochen in eine Klinik begibt und dort lernt zu kämpfen. Gegen die Angst und gegen das Tiefdruckgebiet im Kopf.


Die Autorin:
Kathrin Weßling, 1985 in Ahaus geboren, lebt und atmet in Hamburg. Sie gewann bereits zahlreiche Poetry-Slams und war Protagonistin mehrerer Folgen der Sendung "Slam Tour mit Sarah Kuttner". Es folgten Publikationen in Magazinen wie uMag und jetzt.de. Derzeit arbeitet Kathrin Weßling als freie Texterin und Autorin.


Trailer zum Buch:


Leseprobe:
http://www.randomhouse.de/Buch/Drueberleben-Depressionen-sind-doch-kein-Grund-traurig-zu-sein/Kathrin-Wessling/e382210.rhd?mid=4&serviceAvailable=true&showpdf=false#tabbox


Und wer nun immer noch nicht genug Informationen bekommen hat, kann sich auch noch ein Interview mit der Autorin durchlesen:



 


Meine Meinung folgt jetzt! VORSICHT SPOILERGEFAHR!

Ich hatte mich vor meiner Bewerbung für die Leserunde schon ein klein wenig mit dem Buch beschäftigt, denn ein Buch über "Depressionen" zu lesen fand ich in etwa genauso herausfordernd wie ein Buch über "Depressionen" zu schreiben, denn es heißt, das ich mich damit auseinander setzen muss und nun ist die Frage: "Will ich das überhaupt". Ich hatte mich dafür entschieden und als das Buch dann kam (ich hatte es nämlich dann auch gewonnen!) war es zu spät, nun musste ich es lesen und es fiel mir um einiges leichter als ich es erwartet hatte, denn die Monster in Idas Kopf sind anders als meine eigenen, obwohl einiges mir doch sehr bekannt vorkam, aber das hatte ich in meiner Einleitung schon erwähnt.#

Kennt ihr diese Gedanken?

Nun ist aber mal gut!
Das schaffst du nicht!
Das kannst du nicht!
Du bist nichts wert!
Du bist Dreck!
Warum lebe ich?
Meiner Familie ging es besser, wenn es mich nicht geben würde!


Solche Gedanken habe ich leider, leider auch hin und wieder und dann muss ich einen Weg finden nicht abzustürzen, sondern versuchen mich soweit abzulenken, das die Monster in meinem Kopf keinen Raum finden um mich noch weiter zu quälen, d.h. ich muss mich ablenken oder mich ablenken lassen, indem ich eine gute Freundin anrufe oder vielleicht auch bügel und mir dabei einen Film anschaue, der mich auf andere Gedanken bringt. Lasse ich mich nicht ablenken, wird der Stein auf der Brust wieder so schwer, das ich kaum atmen kann. Ich will so nicht sein und will auch den Kindern nicht so eine Mutter sein, die immerzu traurig ist und nicht weiß warum. Das ich nicht weiß warum ist gelogen, aber ich bin jetzt schon sehr als persönlich, noch persönlicher möchte ich nicht werden, aber wie bei Ida ist der Grund in meiner Kindheit vergraben. Immer dann wenn ich Kontakt zu meinen Eltern hatte, bricht es hin und wieder doch aus und die Mauern die ich um mich gebaut habe zu meinem eigenen Schutz beginnen zu bröckeln. Da muss ich dann ansetzen und darf mich nicht in die Knie zwingen lassen. Vielleicht auf die Knie um zu beten, aber niemals in die Knie, denn vielleicht kommt dann doch der Zeitpunkt, wo ich nicht mehr aufstehen kann.

Ida ist depressiv und verkriecht sich, sondert sich ab, trinkt und verwahrlost seelisch und körperlich. Ida ist 24 und damit natürlich noch sehr, sehr jung. Eigentlich eine Zeit in der man vielleicht schon eine abgeschlossene Berufsausbildung hat, vielleicht auch schon einen Partner gefunden hat, Kinder bekommt und weiß, wo man im Leben steht. Ida schafft es nicht! Sie schafft es nicht mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen und sie ist allein! Mama, Papa und die Brüder verstehen sie nicht und sagen immer wieder: Nun ist aber mal gut! Außerdem ist es ihnen peinlich, das Ida sonderbar ist und daher besuchen sie sie auch nicht in der Klinik, denn dort ist alles so unheimlich und beängstigend! Ida hat also niemanden der ihr den Rücken stärkt. Es ist sehr, sehr traurig zu lesen, wie Ida versucht sich ihren Monstern zu stellen und dabei immer wieder auf die Nase fällt. "Depressionen" ist etwas was wir sehr ernst nehmen müssen. Es ist nichts, was wir müde belächeln dürfen ....... Wie man Hilfe leisten kann, weiß ich auch nicht, aber den Menschen verspotten und aufs Abstellgleis schieben ist ganz, ganz falsch, aber das tun die Menschen in Idas Umgebung, sie beachten Ida nicht, sehen ihre Kämpfe nicht, vielleicht wollen sie sie auch nicht sehen? Vielleicht macht es ja auch Angst, jemanden so zu sehen? Ida ist vielleicht auch ein klein wenig verrückt? Ich sehe ein Mädchen, welches vielleicht auf den ersten Blick sonderbar erscheint, aber auf dem zweiten sehe ich ein Mädchen, welches tief verletzt ist und niemanden hatte, dem sie ihre Ängste und Sorgen, ihre Trauer mitteilen konnte. In Idas Fall hätten Eltern und Geschwister schon dann reagieren müssen nachdem Julia ihre beste Freundin verstarb. Idas Trauer hätte ernst genommen werden müssen, damit Ida sich zu einer gesunden jungen Frau entwickeln hätte können. Vielleicht wäre dann tatsächlich einiges anders verlaufen?
Wir lernen Ida recht schnell kennen und lernen dabei auch die Monster in ihrem Kopf kennen. Wir lernen die Klinik kennen in die sie sich einweist. Lernen ihren Tagesablauf kennen und auch die Menschen mit denen sie sich Tag und Nacht umgibt. Unfreiwillig und Freiwillig. Alle Patienten haben mit Monstern zu kämpfen und versuchen ihr Leben irgendwie zu meistern. Mit Medikamenten, mit Ergotherapie, Gesprächsgruppen und so weiter. Mansche schaffen den Sprung vielleicht, aber manche sind so tief in ihren Sorgen + Ängsten verstrickt, das sie den Sprung raus aus der Depression vielleicht nie schaffen. Zu welcher Gruppierung gehört Ida? Ich rate euch dringend dieses Buch zu lesen, welches meiner Meinung nach definitiv keine leichte Kost ist, aber schonungslos und authentisch darüber berichtet, wie schnell wir uns selbst Monster schaffen können, die dann bleiben wollen und uns keine Chance geben sie zu besiegen. "Depressionen" gehen uns alle an, denn jede/n kann es treffen und wirklich umhauen! Es wird sicherlich nicht jede/r damit hausieren gehen, wenn es dich oder auch dich betreffen sollte, aber "Depressionen" ist nichts, was man beschönigen kann oder verheimlichen sollte. Vielleicht ist ja sogar dein bester Freund, deine Nachbarin, dein Arbeitskollege, vielleicht auch deine Schwester betroffen, dann hilft es ihr / ihm sicherlich nicht, wenn du es schönredest oder so blöde Bemerkungen kommen wie "Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein!"  / "Nun ist aber langsam mal gut" / "Stell dich nicht so an!" oder andere Floskeln, die sicherlich wenig hilfreich sind für Betroffene. Denk mal darüber nach! 







Alle wichtigen Details zum Buch sind der Verlagsseite http://www.randomhouse.de entnommen!




Kommentare:

  1. Total tolle Rezension, vorallem weil du so offen bist :)
    Das Buch ist auf jeden Fall direkt auf meine Wunschliste gelandet, ganz weit oben.

    Zu deinem Kommentar:
    Vielen Dank und ich hatte mir wirklich etwas anderes darunter vorgestellt :)

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  2. Ganz tolle Rezension, vielen Dank. Das hat mir das Buch viel näher gebracht.

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  3. Ich hatte leider kein Glück, wollte das Buch auch unbedingt Lesen aufgrund meiner eigenen Vorgeschichte, aber ein Freund bei Lovelybooks hat es gewonnen und sendet es mir dann zu.
    Finde ich nett von ihm.

    Deine eigene Geschichte erinnert mich extrem an mich selbst, besonders den Stein in der Brust der einen am Atmen hindert kenne ich gut genug.

    Deine Reszension finde ich super! Es zeigt, dass du die richtige warst um das Buch probezulesen :)

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  4. Ich danke euch, denn es zeigt das ich doch die richtigen Worte gefunden habe. Manchmal ist man sich ja doch unsicher!

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  5. Schöne Rezi :) und gleich noch so lange ;) Wie lange schreibst du den an so einer? ;D


    Gerade eben bin ich auf deinen Blog gestoßen und habe ein bisschen gestöbert. Ich finde ihn richtig schön und interessant und habe mich deshalb dazu entschlossen, ihn regelmäßig zu lesen.
    Ich würde mich sehr freuen, wenn du meinen Blog auch besuchen würdest und ihn, wenn er dir gefällt, regelmäßig lesen würdest. Wenn du Verbesserungsvorschläge hast für ihm, wäre ich sehr dankbar, wenn du mir diese mitteilst.

    Hier der Link zu meinem Blog:
    http://rozasleselieblinge.blogspot.com/


    Liebe Grüße
    Chrisy

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  6. Liebe Mel,

    Hut ab, wirklich! Ich habe mir deine Rezension sehr gründlich durchgelesen, bis zum letzten Wort, und dann nochmal. Und ich kann das absolut und sowas von gut nachempfinden.. ich habe das Buch bisher bis zum Ende des ersten Teils gelesen und ich kann ehrlich gesagt gerade nicht weiterlesen. Es liegt nun seit knapp zwei Wochen ungelesen auf dem Nachttisch, nicht weil es mir nicht gefällt nein.. weil es mich zu sehr berühte, mir zu nahe ging. Ich hatte dazu auch was in der Leserunde gepostet, aber leider kam da irgendwie gar keine Reaktion. Das betrübte mich dann auch ein wenig zusätzlich, so dass ich im Moment auch absolut keine Veranlassung sehe, weiterzulesen. Es tut mir nicht gut...

    Der Schreibstil ist poetry-slam vom Feinsten und faszinierend, irgendwann werde ich es weiterlesen, zu Ende lesen..

    Ich danke dir für deine tolle, berührende, ehrliche Rezension, ich weiß nicht ob ich das so schreiben könnte, denn ich erkenne vieles wieder was du beschreibst..

    Liebe Grüße
    Sandra

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  7. Liebe Sandra,
    deine Rezensionen ähneln meinen sehr, denn auch sie sind mitten aus dem Bauch heraus. Das ist prima und daher lese ich sie bei dir auch sehr gerne. Das das Buch dich belastet kann ich nachvollziehen. Ich hatte wahrscheinlich eine gute Zeit als ich es gelesen habe, an anderen Tagen hätte ich vielleicht auch nicht weiterlesen können. Zwing dich aber zu nichts, sonst zieht es dich vielleicht tatsächlich hinunter. Hab auch nicht gedacht, das ein Buch einen so bewegen kann. Vielleicht liegt es einfach daran, das wir Frauen hormonell anders belastet sind als Männer?
    Ich wünsche dir alles, alles Gute!
    GLG,
    Mel

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