Montag, 24. September 2012

Abgehauen und Entkommen

Das Buch "Abgehauen" durfte ich in einer Leserunde auf www.lovelybooks.de lesen und da ich "Weggesperrt" der Autorin schon gelesen hatte, war ich sehr neugierig, ob das Buch an den Erfolg von "Weggesperrt" anknüpfen kann. Ich sagen nur, es kann, denn es fesselt von Anfang an und ließ mir zeitweilig die Haare zu Berge stehen, denn auch wenn die Geschichte rund um Gonzo Fiktion ist, hat es den Jugendwerkhof Torgau tatsächlich gegeben. Aufmüpfige Teenager kamen dort hin um erzogen zu werden und um ihren Willen zu brechen. Es ist grausam davon zu lesen. Wie viel grausamer ist es dort zu sein und diesen Grausamkeiten täglich ausgesetzt zu sein?



  • Broschiert: 320 Seiten
  • Verlag: Dressler (August 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3791516337
  • ISBN-13: 978-3791516332
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre


Klappentext:
Hautnah: Die Geschichte einer Flucht.

1989 in der DDR, Geschlossener Jugendwerkhof Torgau: Die rebellische Gonzo soll hier, wie schon ihre Freundin Anja, Heldin von "Weggesperrt", zu einer "sozialistischen Persönlichkeit" umerzogen werden. Hilflos ist sie den Methoden der Erzieher ausgeliefert und zerbricht fast an dieser Erfahrung. Als sie in ihren alten Jugendwerkhof zurückgebracht werden soll, gelingt ihr die Flucht. Sie will endlich frei sein! In einer Kleingartenanlage trifft sie René, der in den Westen abhauen will. Gemeinsam schaffen sie es über die grüne Grenze bis in die Prager Botschaft.

Die Geschichte basiert auf Zeitzeugen-Interviews sowie historischen Tatsachen. 

Für den ersten Band "Weggesperrt" wurde die Autorin mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis 2010 ausgezeichnet.

"Eine Geschichte, die unter die Haut geht und gelesen werden sollte, von Jugendlichen und Erwachsenen." DIE ZEIT über "Weggesperrt"



Mehr über die Autorin unter: www.grit-poppe.de




Das Cover:

Auch Abgehauen ist vom Cover her sehr bedrückend und beklemmend, denn die Farben sind regelrecht düster, aber wir sehen einen Schatten oben auf der Treppe, welches im Laufschritt ist. Raus aus Torgau, raus in ein neues Leben? Ein Leben ohne Folter, Missbrauch und Misshandlung? (seelischer und körperlicher!) In "Weggesperrt" blicken uns nur große traurige Augen entgegen, aber hier kommt Hoffnung auf. Hoffnung darauf, das Gonzo in ein Leben in Freiheit rennt. Wird sie es schaffen sich den Zwängen zu entziehen?


Leseprobe








Die Informationen wie Cover, Klappentext und Co sind direkt 
der Verlagsseite http://www.dressler-verlag.de entnommen!







Meine Meinung:

Ich habe mich mit der Geschichte der DDR nicht vertraut gemacht, weiß aber mittlerweile aus diversen Büchern, das es kein Zuckerschlecken war für diejenigen die aus der Reihe getanzt haben und sich nicht anpassen konnten oder auch wollten. Torgau ist furchtbar und ich sehe Gonzo in ihrer Dunkelkammer sitzen und verzweifeln. Es gibt Tage, da bekommt sie noch nicht einmal einen Eimer für ihre Notdurft. Zu Essen bekommt sie Sauerkraut und jeder weiß, was dies mit unseren Gedärmen anstellen kann, aber soll man verhungern? Nein, man isst und dann quält man sich und behält einen tiefen Ekel vor Sauerkraut. Gonzo, die im Dunkeln harrt und hofft, das sie irgendwann befreit wird, hört Stimmen und der Punk flüstert ihr hin und wieder etwas zu, auch später noch, wenn sie auf der Flucht ist. Ob er derjenige ist, der sie daran hindert durchzudrehen?

Gonzo, deren richtiger Name Nicole ist und sie sich ihren Spitznamen selbst ausgesucht hat, da sie den Gonzo der Muppets so toll fand, weil er so viel Abenteuer erlebt hat. Gonzo wurde von Geburt an hin und hergeschoben und hatte kein Zuhause, keine Zuflucht, was auch gleichbedeutend ist damit, das sie niemanden hatte, der sie in den Arm nahm und ihr Zärtlichkeiten gab. Abgeschoben, Weggesperrt, Vergessen! Keine Abenteuer, keine Liebe, wie lange kann man das ertragen?


In Torgau herrscht Zucht und Ordnung und nachdem Gonzo wieder in Dunkelhaft kommt, fängt sie an sich selbst zu verstümmeln, da die Chance in ein Krankenhaus zu kommen ihr vielleicht Freiheit verspricht. Vielleicht kann sie abhauen? Ein Leben auf der Straße erscheint ihr besser als in Torgau. Den Schmerz nimmt sie dafür gerne in Kauf, aber es kommt dann doch alles anders als geplant.



Das Buch ist wirklich durchweg spannend geschrieben und meiner Meinung nach ein Buch was jede/r Jugendliche lesen sollte um zu verstehen, wie es um Jugendliche in der DDR bestellt war und wie gut sie es heute haben, denn sie können sich frei äußern ohne Angst zu haben "Weggesperrt" zu werden. Es ist niemand da, der ihren Willen brechen will oder ihnen den Mund verbietet? Warum meckern wir dennoch so viel? Ich gehöre sicherlich auch zu denjenigen die von der Regierung nach Torgau gesteckt worden wäre, denn ich habe schon immer ohne Nachzudenken geredet und hätte mich sicherlich das eine oder andere Mal um Kopf und Kragen geredet. Ich bin aber im Westen aufgewachsen und daher bleib ich verschont. Über das was Gonzo und auch Anja, dessen Geschichte in "Weggesperrt" erleben müssen wird sicherlich nie in Vergessenheit geraten und aus Augenzeugenberichten und jeder Menge Fantasie ist ein Roman entstanden, der dem nachempfunden wurde, wie es eben hätte sein können.


Nicht nur Gonzos Geschichte wird erzählt, sondern auch die Geschichte vieler Flüchtlinge aus der DDR, was auch Teil des Buches ist. Es ist auch ihre Geschichte, die ihren Anfang in Prag beginnt, denn dorthin fliehen Tausende von Menschen, die den Traum haben in der Bundesrepublik Deutschland zu leben. Es ist bewiesen das es 7609 Ostdeutsche geschafft haben aus Prag nach Hof einzureisen. Eine hohe Zahl, aber nachdem ich jetzt schon so einiges über die DDR gelesen habe, kann ich den hohen Wunsch nach Freiheit nachvollziehen und ich wäre sicherlich einige der ersten gewesen, die auf die Züge gesprungen wäre. Ich will die DDR nicht schlecht machen, so also bitte nicht verstehen, aber manche Tatsachen darf man einfach nicht verleugnen und sie gehören zur deutschen Geschichte dazu.


Das Buch ist ideal für Jugendliche und natürlich auch für alle anderen. Im Glossar lesen wir einiges geschichtliches und für mich bewahrheitet sich mal wieder der Spruch: Man lernt nie aus, denn einiges wusste ich nicht und konnte daher wieder einiges lernen und für mich herauspicken.


Man braucht allerdings auch ein dickes Fell, damit man Gonzos Geschichte nicht zu nah an sich heran lässt, denn es könnte schwer werden es zu verarbeiten, daher gebe ich meinem Töchterchen das Buch vorerst nicht um es zu lesen, sondern lege es erst einmal für sie zur Seite.


Vielleicht hast du ja auch Interesse daran meine Rezi zu "Weggesperrt" zu lesen? Du findest sie hier: http://www.dooyoo.de/kinder-jugendbuecher/weggesperrt-grit-poppe/1492317/


"Abgehauen" ist ähnlich wie "Weggesperrt" gestrickt und geht ebenso an die Substanz. Es hat mich sprachlos zurückgelassen und ich möchte es denjenigen, die sich für Geschichte interessieren sehr ans Herz legen. Zusammen mit der Geschichte der Gonzo / Nicole ist es ein wunderbares Buch, welches zum Nachdenken anregt und sicherlich noch einige Zeit nachwirken wird.




Ich kann euch versichern das keine Fragen offen bleiben und sich das Leben für Gonzo sehr zum positiven ändert, aber das hat sie sich nach dem was sie erlebt hat auch verdient und vielleicht verschwindet ja auch irgendwann der Punk in ihrem Kopf? Vielleicht erfahren wir ja auch, was letztendlich mit Anja geschehen ist? Gonzo hat sie nie vergessen und der Gedanke an sie hilft ihr oft weiterzumachen und durchzuhalten. Grit Poppe hat eine Hauptprotagonistin geschaffen mit der wir mitleiden und mit der wir hoffen dürfen. Es ist ihr gelungen mich oftmals laut nach Luft schnappen zu lassen und mich komplett auf die Handlung einlassen zu können.


Der  Jugendwerkhof Torgau ist heute eine Gedenkstätte und eine Anlaufstelle für Betroffene. Ganz ehrlich, wenn ich dort eingesessen hätte, würde ich an einem echten Trauma leiden.









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